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Eine alte Sage

Als die Zeiten noch dunkel waren, als noch nicht jeder Raum an den langen Abenden durch elektrischen Lampen erleuchtet war, da saß man oft beisammen mit Nachbarn und Gevattern, besprach die kleinen Dinge des Tages, die guten und die bösen Ereignisse in der Welt da draußen. Da wurden Vorfälle in das Gewand der Sage gekleidet, um auch zu warnen, zu schrecken und zu zügeln. Das war offenbar auch die Absicht einer Sage, die lange Zeit in und um Hochkirch immer wieder in verschiedenen Fassungen erzählt wird. Ihr Schauplatz sind die Hügel und Fluren zwischen Hochkirch und Steindörfel, wo eine kleine Gruppe von Häusern in der Nähe des ehemaligen Gasthofes "Goldener Schlüssel" den Namen Włosančki trägt.
Vor langer Zeit lebte in einem Nachbardorfe - war es Steindörfel oder Meschwitz ? - ein Mädchen von außerordentlicher Schönheit, aber von lockeren Sitten. Lebenslustig war es und genoss die Freuden, wo es sie fand. So schadete es seinem Ruf, und in den Augen gerechter und tüchtiger Leute galt sie als nicht ehrbar. Als schließlich ein Bauernsohn das Mädchen zur Ehefrau begehrte, ließ es sich trotzdem zur bevorstehenden Vermählung nach altem Brauch als ehrbare Braut von der Kanzel abkündigen.
Am Hochzeitstage legte das Mädchen den Schmuck an, der nur einer ehrbaren sorbischen Braut zustand: die samtene Haube, borta genannt, und das Rautenkränzlen, das Zeichen der Keuschheit und Unschuld. So angetan, fuhr sie mit ihrem Bräutigam und den Hochzeitsgästen zur Trauung nach Hochkirch. Auf halben Wege aber brach eine dunkle Wolkenwand vom Czorneboh auf die Gesellschaft nieder, und ein entsetzlicher Sturm riß Wagen und Pferde um. Mitten aus der schwarzen Wolke führ der böse Geist, der Teufel, dem die Braut gedient hatte, erfasste sie mit seinen Krallen, zerrte sie aus der Hochzeitskutsche und riß sie in Stücke. Der Sturm wirbelte die Stücke weit über die Fluren. Schaurige Funde machte man danach, und die Stellen, wo man sie barg, haben heute noch ihre Namen davon: An den Feldhäusern namens Włosančki lagen die Haare (włosy) der Braut, am Waldstück Ručina die Hände (rucy), an dem Hang Wĕnčiki reste des Rautenkranzes (wĕnčk), an dem Born Slĕbornik, dem Haarbandbrunnen, Teile der Haube und auf dem Hügel Maratki der verstümmelte Leichnam der Braut auf der Bahre (mary). Solch ein schlimmes Ende nahm es mit einem Menschen, der sich dem Bösen verschrieben hatte.
Gewiß liegt dieser Sage irgendeine wahre, unerhörte Begebenheit zugrunde, die von der Phantasie späterer Erzähler ausgeschmückt wurde.
Nach: Hochkirch vor dem Czorneboh. Das schöne Bautzener Land Heft 12, Bautzen 1965