Karl Traugott Schütze
Korla Bohuwěr Šěca






Karl Traugott Schütze / Korla Bohuwěr Šěca
… wurde am 26. August 1858 in Klix als Sohn eines Stellmachers und Landwirts geboren. In der vielfältigen Umgebung seines Heimatdorfs mit den sandigen Kiefernheiden und den Sumpfwiesen und Teichlandschaften an der Spree begann er sich frühzeitig für die Natur zu interessieren. Er fing Fische und Krebse, entwickelte bald eine Vorliebe für die kleineren Tiere und eignete sich schon als Schüler eine umfangreiche Artenkenntnis an. Aufgrund seiner Begabung ermöglichte man ihm den Besuch des Lehrerseminars in Bautzen, wo er fünf Jahre lang studierte. Ostern 1877 kam er, erst achtzehnjährig, als Dorfschullehrer nach Rachlau am Fuß des Czorneboh, wo er bis zu seiner Pensionierung 43 Jahre lang, zuletzt als Oberlehrer, tätig war. Rachlau wurde ihm zur zweiten Heimat; hier wirkte er nicht nur als Lehrer, sondern war auch im Gemeindeleben aktiv sowie als Berater in Obstbau, Schädlingsbekämpfung und Pilzkunde. Im Februar 1881 heiratete er Anna Emilia Albert, die Tochter des Gemeindevorstands Peter Albert.
„Die ersten Hilfslehrerjahre verbrachte er in der ‚Alten Schule‛, die nicht immer gern von Frauen aufgesucht wurde, weil lebende Schlangen und Eidechsen umherkrochen, Käfer und Schmetterlinge Gläser und Kästen füllten und Pflanzen aller Art in Pressen lagen oder in Gefäßen umherstanden. Es war eine echte Naturforscherwohnung, der aber die ordnende Hand der Frau fehlte. Seit 1879 wohnte er in der ‚Neuen Schule‛, betreut von seiner Frau, mit der er eine glückliche Ehe weit über 50 Jahre lebte. Zwei Töchter und vier Söhne entsprossen dem Bunde, harte Zeiten waren zu überstehen, denn das Gehalt war gering, besonders da die Söhne ins gleiche Amt wie der Vater sollten. Und auch das Schwerste blieb ihm nicht erspart; ein blühender Sohn starb 1919 an den Folgen eines im Felde erworbenen Leidens. Nur durch größte Einschränkungen in den persönlichen Ansprüchen, nur durch Verzicht auf Vergnügungen und erholende Reisen gelang es ihm, seine Familie hochzuhalten und seine Kinder fürs Leben auszustatten. Aber Schütze hatte einen Jungborn, der ihm immer wieder Lebensmut gab. Das war die Natur. Beobachtend und sammelnd zog er durch die heimischen Wälder. Immer klarer kam es ihm zum Bewußtsein, wie gering unser Wissen über die heimischen Tiere und Pflanzen ist. Und diese Erkenntnisse drückten ihm die Feder in die Hand.“ (Jordan 1940)
Schütze
Schütze war ein Lokalfaunist im klassischen Sinne des Wortes. Auf Anregung von Heinrich Benno Möschler hatte er begonnen, sich neben den Großschmetterlingen auch mit Kleinschmetterlingen zu beschäftigen, die bald seine erklärten Lieblinge wurden. Immer aber blieb er ein „Allround-Entomologe“, und seine Arbeiten legen davon Zeugnis ab. 1899 bis 1902 erschienen in der Deutschen Entomologischen Zeitschrift Iris „Die Schmetterlinge der sächsischen Oberlausitz“, denen 1930 ein Nachtrag folgte. In den Schriften der naturwissenschaftlichen Gesellschaft Isis in Bautzen, deren Ehrenmitglied er war, veröffentlichte er faunistische Arbeiten über die Schnaken, die Wildbienen, die Grabwespen, die Wegwespen und die Schlupfwespen der Lausitz – die letzteren überwiegend aus eigenen Zuchten erhalten. Beliebt waren seine populären Vorträge und Aufsätze in Tageszeitungen, unter denen sich Titel wie „Nächtliche Jagden“, „Gottes Gehilfen“, „Am Wiesenteiche“ oder „Eine lausige Geschichte“ finden.
Über das entomologische Fachgebiet hinaus veröffentlichte Schütze auch zahlreiche Arbeiten in sorbischer Sprache unter der sorbischen Variante seines Namens, Korla Bohuwěr Šěca.
Schon früh hatte er begonnen, entomologische Kontakte zu knüpfen, sowohl zu den Sammlern in der Lausitz wie Schilde, Trautmann, Rostock, Severin, Köhler, Feurich, Richter, Starke und Möschler, als auch zu überregionalen Spezialisten wie Staudinger, Wocke, Disqué, Caradja, Petersen, Escherich oder Hering. Die einen lieferten ihm Beiträge zur Oberlausitz-Fauna, mit den anderen korrespondierte er über Kleinschmetterlingsprobleme, wobei er als anerkannter Fachmann geschätzt und geachtet wurde.
In späteren Jahren konnte Schütze dann auch einige Reisen unternehmen, die ihn nach Südtirol, in die Julischen Alpen, an die Adria und in den Karst, ferner nach Thüringen, Hessen, Mecklenburg und Helgoland führten, „aber die Reisen haben ihn, wie er einst selbst sagte, nur eins gelehrt, daß die Heimat schöner ist als all die fernen Länder, daß sie dem Forscher mehr bringt als südliche Sonne und schroffe Gebirge“ (Jordan 1940). Oder wie Schütze selber sagte: „Wer seinen entomologischen Wissensdurst stillen will, findet dazu in der Heimat überreiche Gelegenheit. Die Heimat muß uns näher stehen, sie braucht uns auch viel notwendiger als die Fremde.“ Später haben die Mechanismen der Globalisierung andere Perspektiven eröffnet. Unbestreitbar bleibt aber, daß Heimatverbundenheit eine hervorragende Grundlage für regionalfaunistische Arbeiten bildet und in Menschen wie Schütze eine ideale Ausprägung gefunden hat.
Die zu Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in der Lepidopterologie vielfach in Mode gekommene unnötige Beschreibung und Benennung von Aberrationen, unwesentlichen Varietäten und oft unberechtigten Subspezies hatte Schütze schon sehr klar als die Selbstbefriedigung ihrer Autoren erkannt, als die sie auch heute rückblickend von den meisten wissenschaftlich arbeitenden Entomologen empfunden wird. Stattdessen war er stets bemüht, junge Entomologen für die Beschäftigung mit der Biologie und Ökologie der Arten und besonders ihrer Entwicklungsstadien zu motivieren. Er vertrat damit gegen die Modeerscheinungen seiner Zeit eine aus heutiger Sicht „moderne“, ökologisch orientierte Biologie.
„Ueberlaßt doch die Aufstellung endloser Reihen von Varietäten, Aberrationen, Formen und Lokalrassen, die künstliche Erzielung von Mißgeburten durch Hybridation, die Wärme- und Kälteversuche den Stubenentomologen und kümmert euch auch nicht um Exoten. Wir Freilandsammler müssen uns ein würdigeres Ziel stecken: Die Erforschung der Lebensweise, der Biologie unsrer Lieblinge; sind doch noch eine Menge Raupen unbekannt, und von vielen wissen wir sehr wenig.“ (Schütze 1931)
Schütze war Ehrenmitglied der Naturwissenschaftlichen Gesellschaften in Bautzen und in Dresden und des Internationalen Entomologischen Vereins in Frankfurt.
Am 27. November 1938 starb Karl Traugott Schütz in Rachlau, er wurde auf dem Friedhof in Hochkirch bestattet.
nach A. Steiner